Im Jahr 2000 lernte ich einen Anleger kennen, der sich nur für Aktien interessierte und sein gesamtes Kapital von etwa 200.000 Euro dementsprechend investierte. Er managte sein Depot schon seit einigen Jahren selbst, entschied also eigenverantwortlich, welche Aktien er kaufte und verkaufte. Als ich ihn kennen lernte, besaß er fast ausschließlich Aktien bekannter deutscher und amerikanischer Technologiefirmen. Ich war beeindruckt, denn der Anleger hatte es in den Zeiten des Börsenbooms geschafft, sein investiertes Kapital auf über 1,4 Millionen Euro zu versiebenfachen. Nächtelang durchforstete er das Internet, informierte sich über die aktuellsten Tendenzen an den Börsen, traf schnelle Entscheidungen, kaufte und verkaufte. Mit dieser Technik hatte er einen enormen Gewinn erzielt.
Ich riet ihm, zumindest einen Teil seines hart erwirtschafteten Gewinns in Sicherheit zu bringen und in einen weltweit operierenden Investmentfonds zu investieren. Dieser erbrachte zwar nicht die hohen Renditen, an die sich der Anleger in den letzten Jahren gewöhnt hatte, doch das Risiko war wesentlich geringer. Der Fonds investierte in Aktien aus allen Branchen und Ländern. Durch diese sehr breite Streuung des Risikos war es praktisch unmöglich, einen hohen Verlust zu erleiden, selbst dann, wenn die internationalen Aktienkurse einmal fallen sollten. Im Mittelpunkt einer Umschichtung der Gewinne des Anlegers in diesen Fonds hätte eine Strategie der Vermögenssicherung gestanden, bei der darüber hinaus langfristig eine durchaus akzeptable Rendite erwirtschaftet worden wäre. Doch der Anleger erklärte mir, erst wenn sein Depot zwei Millionen Euro wert sei, kämen für ihn Investments mit niedrigerer Rendite und höherer Sicherheit in Frage. Bis dahin wolle er noch einmal richtig Gewinn machen.
Etwa zu dieser Zeit begannen dann auch die Börsenkurse nachzugeben. Das Depot des Anlegers fiel auf knapp 1,2 Millionen, und ich wiederholte meine Empfehlung zur Umschichtung. Leider blieben meine Ratschläge erneut fruchtlos. Unsere Gespräche wiederholten sich in immer kürzeren Abständen. Das Depot fiel und fiel – 800.000 Euro, 600.000 Euro – der Anleger reagierte geradezu trotzig: »Ich hatte schließlich über eine Million – jetzt verkaufe ich auf keinen Fall«, hörte ich immer von ihm. Erst als der Wert seiner Aktien bei etwa 200.000 Euro lag, entschloss er sich endlich zum Verkauf. So gelang es ihm immerhin, ohne Einstiegskapital-Verlust aus dem Aktienmarkt auszusteigen.
Das Beispiel ist typisch: Anleger, die in einem Börsenboom erfolgreich sind, überschätzen ihre analytischen Fähigkeiten und können sich nur sehr schlecht von ihren Aktien trennen. Wie Spielsüchtige beim Roulette, hoffen sie gegen jede Vernunft immer wieder auf einen Gewinn in der nächsten Runde. Ein Börsenboom ähnelt durchaus einer Glückssträhne am Spieltisch. Und wie beim Roulette, kann auch an der Börse nur derjenige wirklich gewinnen, der früh genug aufhört und seine Gewinne in sichere Anlagen umschichtet.
Jedem Börsenboom folgt eine Zeit fallender oder stark schwankender Kurse. Wer langfristig denkt, seine Entscheidungen anhand von Datenmaterial immer wieder konsequent überprüft und in der Lage ist, Fehler zu erkennen und umgehend zu korrigieren, kann – mit zunehmender Erfahrung – auch in schwierigen Börsenphasen mit Aktien gute Renditen erzielen. Doch das Management des eigenen Aktiendepots erfordert nicht nur viel Zeit, sondern auch die Bereitschaft, immer wieder Neues zu lernen und sich ständig zu informieren. Im Kontext neuer Entwicklungen muss darüber hinaus jede einmal getätigte Investition regelmäßig überprüft werden.
Realistisch betrachtet ist dies ein Aufwand, den die meisten Anleger vermeiden wollen. Um dennoch von den guten Renditen an den Börsen zu profitieren, suchen diejenigen, die sich für Aktien interessieren, fast immer den Rat von Fachleuten, zum Beispiel den Rat ihrer Hausbank. Ihr Berater soll für Sie das Aktiendepot zusammenstellen und verwalten. Doch ganz ohne Grundwissen darüber, nach welchen Kriterien Aktien ausgewählt und bewertet werden, sollten Sie sich als Anleger niemals in ein Beratungsgespräch begeben. Denn auch wer sich beraten lässt – die Entscheidung, in welche Aktien man investiert, muss letztendlich bei Ihnen, lieber Anleger, liegen!
In diesem Sinne verbleibt mit börslicher Hochachtung
Ihr
Angelo Mazotti